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Absichtslosigkeit

von Bärbel Ackerschott

Max, Du bist 18 Jahre alt, obdachlos und drogenabhängig.
Du stehst in der Notel-Tür, unsicher, fragend, fordernd.
Was du jetzt von uns willst, ist ein Bett, etwas zu essen, vielleicht eine Dusche.
Und vor allem Deine Ruhe, um Deinen Rausch zu genießen.
Wir sagen Dir, dass wir Dir all das geben, nur an ein paar Regeln mußt Du Dich halten, damit das Miteinander gelingt.

Du bist willkommen, so wie Du bist.
Wir fragen nicht nach Deinem bisherigen Leben oder nach Deinen Plänen für die Zulunft.
Wir sagen Dir nicht, dass Du mit den Drogen aufhören mußt, weil Du es entweder schon weißt oder es nicht hören willst.
Wir akzeptieren, dass Du Dein Leben heute so lebst, wie Du es lebst.
Wir geben Dir saubere Spritzen, damit Du Dir keine Infektion holst.
Manchmal können wir das kaum aushalten, wenn wir sehen, wie die Sucht Dich zerstört.
Wie gerne würden wir mit Dir den Weg gehen, der in die Freiheit führt.
Aber wir wissen, dass Du es wollen mußt.
Unser Wollen reicht nicht, nähme Dir Freiheit, wäre für Dich sogar Bedrohung.
Siehst Du nicht, dass die Droge Dir alles nimmt?
Du hälst sie für Deinen besten Freund: Sie ist immer da, zuverlässig, sie belügt Dich nicht - und führt Dich in den Tod.

Was wir nicht zulassen können ist, dass Du Dir selbst die Würde nimmst.
Wir erlauben nicht, dass Du wie ein Schwein isst. Du mußt duschen, wenn Du stinkst.
Wir nehmen Dich ernst und wollen von Dir ernst genommen werden; Du darfst und mußt sogar über die Regeln unsere Zuverlässigkeit testen. Um wirklich sicher zu gehen, riskierst Du immer wieder ein Hausverbot.
Und in all dem gehst Du uns unter die Haut, krabbelst bis zu unseren Herzen und bleibst.

Guardini sagt, Absichtslosigkeit sei eine Tugend. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber ich weiß, dass Dich letzten Endes nichts anderes als Absichtslosigkeit weiterbringt, weil sie Reich Gottes ist, mitten unter uns.

"Es gibt nicht leicht eine größere Kraft als die Absichtslosigkeit ...... Nichts fordern und nichts verweigern." (Guardini


Max steht stellvertretend für alle Gäste des Notels. Er starb im Alter von 20 Jahren im Notel-Kosmidion an den Folgen einer Übedosis.

verfasst von Bärbel Ackerschott (Mai 2010)

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