Kontakt eines Ahnungslosen
Erste Begegnung mit dem Notel
Meine Reaktion war nach dem "Schnupperdienst" etwas karg. Ich hatte den ersten Abend ohne große emotionale Regung erlebt; mit dieser Form der Normalität in der Abweichung hatte ich nicht gerechnet; es hat mir gefallen. Ein Tag später entstanden Bilder in mir über diese Wohnung, die den Charme einer Nachkriegssituation hat. Zeigten. Ich merkte, dass es hier einen starken Ein-Druck gab, der nachwirkte.
1. Bild: Kontaminationsturm
Im Anfang stand etwas Symbolhaftem oder besser Diabolhaftes: Im Büro des Notel sah ich ein Kunstwerk. Ich nannte es "Kontaminationsturm"; man könnte auch "Todesturm" sagen. Dieses sperrholzummantelte Teil mit unzähligen Spritzen und Nadeln (vermutlich hunderten); hochinfektiös, verschlosen mit einem Deckel, wie man früher "Klohäuser" hinterm Haus verschloss. Der Turm ist aber mehr als eine Kiste für vom Körper produzierten Abfall. Der kleine Entsorgungstower hat etwas von einem Kernreaktor. Und diese Bombe ruht, besser trohnt seelenruhig in dem "heimeligen Karteikartenverschließfachbüro". Er ist wie eine Bannung der Zerstörungskraft, aber sie ist doch anwesend, auch wenn man sie nicht sieht; sozusagen auf "NotelZeit" entsorgt.
2. Bild: Aufnahme: Herbe Poetik der späten Versöhnung
Im gleichen Raum: Aufnahme eines Mannes, den der SKM geschickt hatte. Er hat Hausverbot und war vor sieben Jahren zum letzten Mal da. Es wurde bei der telefonischen Zusage, dass er kommen kann, nicht sofort bemerkt; wie auch? Als er kam, war es jedoch klar.B. fängt klar und knapp an, dass das letzte Zusammentreffen ja etwas schwierig war. Er steigt ganz schnell ein. Ein Altjunky (wie B. ihn nannte) weiß nach sieben Jahren noch ganz genau, was passiert ist; auf jeden Fall hat er eine detaillierte Geschichte. D, h., das hat den wirklich beschäftigt. Er erzählt seine Version und seine Zusammennfassung heißt: Ich war außer mir (auf "Turkey") und wollte etwas anderes ausdrücken; Du hast das und mich mißverstanden. Egal, wie es war: Ich entschuldige mich. Ihr gebt Euch die Hand und Du sagst: Es ist vergessen. Dann geht er sich waschen und bringt auch seine Kleidung zum Waschen; zum Essen reicht es bis elf nicht mehr. Im Raum war die herbe Poetik der späten Versöhnung. Es rührte mich sehr an.
3. Bild: Die Tür des Kappellenzimmers steht auf und das Fenster zur Strasse ist offen
Den Flur weiter, ein Zimmer ohne zweckorientierten Nutzen. Die Tür zum Kappellzimmer
ist auf, das Fenster zur Strasse ist auf und die Osterkerze flackert. Der
Auferstandene ist da: schweigend und leuchtend. Zweimal ein alter Gebetsfluss, der
ausspricht, was anwesend ist und sagt: Hier gibt es keine Therapie, aber wir bleiben bei Euch
und geben Euch, was wir haben: Essen, Trinken, Wäsche und ein Bett;und wir achten darauf,
dass das, was Ihr gut könnt - Euch und andere zerstören - nicht ungebrochen losbricht.
Die "Heiligkeit der Regeln" sind die hilflosen und notwendigen Formen dieser auf Zeit
gestellten Bannung; länger als einen Abend funktioniert diese Bannung für viele nicht.
Und wir geben dieses Grauen in seiner Alltäglichkeit und Normalität in die
Aufwärtsbewegung des Auferstandenen, der unten war bei den Toten; und wir singen
trotzdem immer wieder:" Im Tode bezwang er den Tod und schenkte den Entschlafenen das
Leben!" Von dort kommt die Hoffnung für diesen chronifizierten, auf Jahre verlangsamten
und banalisierten Tod, von dem es kein Entrinnen gibt.
4. Bild: Die Verheißung einer Möglichkeit: "Es könnte etwas Lebendiges geben?!"
Krümel, der Hund, springt streunend unbeschwert umher. Er ist ein Streuner, wie sie, die
Gäste.
Er kann nicht sprechen, nur bellen und hält "Gott sei Dank" das Maul. Nicht wirklich;
er ist spontan, bellt - und ist bedürftig - vielleicht wie sie (ich habe keine Ahnung, ob das
so ist). Aber Krümel will gestreichelt werden und fordert das schamlos ein; und sie können das
auch ganz folgenlos tun; auch sein Furzen ist ihnen vermutlich völlig egal. Krümel ist wie das
"flanierende Therapeutikum der taktilen Sehnsucht"; dass Liebe und Zärtlichkeit einfach
gelingen mögen; alle, die da sind, wissen, es ist aber nicht so! Menschen sind anders. Aber
Krümel ist ja ein Hund; er ist reduzierter und präziser zugleich. Krümel müßte von der Stadt
einen Zuschuss zu seinem Futter erhalten, denn er gehört zum Stellenplan.
5. Bild: Die Ikone, die den Abend schonend macht - der Fern-Seher
Mitten in der Wohnung der Raum mit dem Tisch. Oben auf dem Schrank thront fest montiert
der Fernseher
Das Leben ist doch normal; ich will nicht denken;
ich will nicht mitkriegen müssen;
ich will mich verbergen;
ich brauche Hintergrundgeräusch;
ich will nicht, dass es peinlich ist; ich will nicht reden müssen;
gut, dass man etwas anschauen kann; alle sind vereint in einer Rictung;
es ist wie in einer französischen Fernfahrerkneipe
ich weiß, was los ist in der Welt;
ich bin mal für einige Zeit abgelenkt;
die Glotze macht die Situation normal;
wir können Sätze sagen;
die Familie sitzt zusammen; man hat sich wenig zu sagen; aber man ist froh, dass man hier
ist; es gibt im Moment nichts Besseres;
ich kann mich unspektakulär verziehen ohne Gute-Nacht sagen zu müssen;
ich bekomm gar nichts mehr mit, nur alles dumpf
... welch entlastendes, von oben, vom Schrank her tönendes Begleitgeräusch!
Ich lernte den Fern-Seher an diesem Abend neu sehen. Indem er viele Blicke auf sich zieht
und sich als Blick-fang anbietet, schützt und schont er.
6. Bild: Der Tisch - ein bevorzugter Ort
Das Zentrum der Wohnung: der Tisch. Tassen mit Besteck, Töpfe mit Essen; Stapel von Teller; kein Zwang zur Gemeinschaft; kein Zwang zur Konvention; ich darf vor mich hinessen; nur leer essen, darauf muß ich achten und den Kopf nicht in den Teller fallen lassen. Diese Anstrengung schaff ich noch. Teller zurückbringen; Trinken und Nachtisch holen in der Küche; diese Wege kenne ich. Und doch gibt es kleinlaute Gesten; das da schmeckt! Hast Du Tabak? Und ich bekomme wirklich etwas. Der Griff in die Schüssel mit Süssem; und ich kann noch eines nehmen; und noch eines ... niemand sagt etwas. In all dem Strengen gibt es eine maßlose Glasschüssel. Irgendwann ist der Tisch wieder leer; wird geputzt.
Es gibt noch mehr Bilder: das Spülritual als erzwungene Beteiligung, die Toreinfahrt als Übergang (Diabase) zwischen zwei Welten; die kleine Frage nach dem Shampoo....
Ich wr an einem Ort der Absichtslosigkeit und des Dabeibleibens. Bei nüchterner Betrachtung bleibt wohl auch nicht viel anderes zu tun. In der Logik des Evangeliums ist eines wahrscheinlich: Das sind wohl die Leute, zu denen Jesus Nähe gesucht hätte. Man muss damit rechnen, dass Er dort anwesend ist. Ich höre den Gesang der Seligpreisungen; ein Gesang, der zu dem Ort passt.
verfasst von Heribert W. Gärtner (12. 04. 07)
