Ein kleiner Bericht aus dem NOTEL
Ich nutze gerne die Gelegenheit, ein bisschen über den Alltag aus dem NOTEL zu schreiben und nutze dazu die Aufzeichnungen, die wir in unser Tagebuch schreiben.
27.02.D. nach fast zwei Jahren mal wieder hier. Ich kenne ihn von früher noch. Er hat stark abgebaut; wirkt sehr hilflos; angeschwollene Beine, eine Fallhand ....; er war ein halbes Jahr in Merheim, ob er wieder hier rein passt, weiss ich noch nicht. Ich konnte mich ob der ruhigen Lage heute Abend gut um ihn kümmern. ....
17.03.Ein hektischer Einlass, 13 Männer vor der Tür, wie immer brauchen manche etwas länger, z. B. C., der ewig Geschichten erzählen wollte und seine Sachen nicht geregelt bekam. Nach mehrfachem Ermahnen gab er endlich das Büro wieder für die anderen Übernachter frei. Später war er dann deutlich ruhiger und ging auch bald zu Bett.
19.03.M. war so pillenbreit, dass wir ihn eine Stunde einzelbetreut haben, bis er endlich im Bett lag (oder besser gesagt quer hing). Er war völlig orientierungslos und so verwirrt, dass er einen Korbsessel nicht mehr von einem Etagenbett unterscheiden konnte. Ich habe ihn nur mühsam davon überzeugen können, nicht den Sessel zum Schlafen zu beziehen und selbst in den Kissenbezug zu klettern.
21.03.S. und M. mal nicht so dicht, schön :-) :-)! Vielleicht haben sie sich ja ein bisschen gefangen. Wäre schön .....
25.03.Heuer etwas turbulenter. S. und M. okay, fast schon vorbildlich(!); Mi. dicht,aber mit Sitzfleisch; B. dicht, aber ohne Probleme früh im Bett; U. seit drei Jahren zum ersten Mal wieder hier; für Unruhe sorgte G., der ständig am Tisch einschlief. 15 Minuten - nachdem er endlich im Bett lag und schlief, kam C., wie immer dicht und redselig. Er bezog sein Bett geräuschvoll in G`s Zimmer und alle waren wieder munter. Es kostete viel Mühe, die nötige Ruhe wieder herzustellen. Mit G. und C. des morgens gesprochen; beide geloben Besserung.
28.06.Heute haben wir erfahren, dass W. gestorben ist. T. kam vorbei, um es uns mitzuteilen. Er war sichtlich betroffen. Wir boten ihm an, in die Messe zu kommen, was er auch tat. Im Verlauf des Gottesdienstes erzählten alle von W.....
Da wurde der Alltag plötzlich aufgebrochen - W. ist tot!!! Seit vielen
Jahren war er Gast bei uns und zählte mit Mitte fünfzig zu den bekannten
Szene-Grössen. Daher wollten wir auch einen Abschiedsgottesdienst
für ihn, wie wir es für alle unserer verstorbenen Übernachter getan haben,
feiern und haben über Plakate und Mundpropaganda hierzu eingeladen.
Viele DrogenbebraucherInnen und auch MitarbeiterInnen anderer Einrichtungen kamen
vorbei und wir erlebten einen sehr intensiven Gottesdienst, in dem
wir W`s gedachten. Interessant war es zu erleben, dass unsere Übernachter
die Form des Gottesdienstes bei uns viel selbstverständlicher finden,
als Leute, die nicht zu uns kommen. So haben wir auch kurz diskutiert,
ob denn ein Gottesdienst die richtige Form ist. Wir entschieden
uns dann aber klar dafür.
verfasst von Michael Meder (Juli 2003)
