"Ich war im Gefängnis und ihr seid zur mir gekommen"
Was das bedeutet, war mir noch nicht so ganz klar, als ich mich am Mittwoch auf den
Weg machte, um Ralf (der gewählte Name steht für viele) zu besuchen.
Ralf übernachtet fast solange im NOTEL wie ich dort arbeite. Das heißt: Eine lange
Zeit von Begegnungen hat auch ein bißchen Beziehung geformt. Nun hörten wir, dass er im
Gefängnis gelandet ist. Für uns und unsere Klienten - zumindest beim Hören der
Nachricht - Alltag. Das kann ja auch jeder nachvollziehen: Die Drogenabhängigkeit
führt schnell in die Kriminalität.
Der Drogenbesitz ist ja bereits strafbar. Der häufigste Grund, weshalb unsere Gäste im
Gefängnis sind, ist Beschaffungskriminalität. Eine Sammlung vieler kleiner Delikte, aus
denen im Laufe der Zeit eine Haftstrafe erwächst.
Bei Ralf war es auch so: eine fällige Geldstrafe, die er nicht bezahlen konnte, musste nun "abgesessen" werden. Ein relativ kurzer Aufenthalt im Gefängnis. Aber gerade jetzt - draussen wird es endlich Sommer - alles strebt auf die Strassen und Plätze. Ralf ist in seiner Zelle. Um 16 Uhr wird die Zellentür abgeschlossen - bis zum nächsten Morgen.
Das Gefängnis hat nur eine Tür - irgendwie verständlich, denn der Kontakt zur Aussenwelt muss ja eingeschränkt und vor allem gut kontrollierbar sein. Das Betreten des Gebäudes ist selbst für Besucher nicht so einfach. Ein Besuchszettel muss ausgefüllt werden, der Personalausweis wird einbehalten. Eine Personenschleuse nach der anderen - insgesamt zwei bis drei. Immer geht erst hinter mir die Türe zu, bis sie dann vorne wieder geöffnet wird. In den Besuchsraum werde ich von der einen Seite und Ralf durch die gegenüberliegende Tür geführt - jeder hat seine Wege. Ich bin froh, dass meine heute wieder nach drausssen führen. Mäßig klimatisierte, fast immer fensterlose Räume, lange Flure mit geschlossenen Türen. Ein beklemmendes Gefühl!
Ralf ist überraschend gut gelaunt - für ihn hat der Aufenthalt erstaunliche Wendungen gebracht. Schien es vorher unmöglich, ohne Drogen auszukommen, hier geht es auf einmal nach einer ausschleichenden Methadonbehandlung. Er konnte ausserdem wieder Kontakt zu seiner Familie aufnehmen, der lange verloren war. Das Gefängnis als "Türöffner" für neue Erfahrungen im Leben.
Wir reden viel - auch Belangloses - und ich merke: wichtig ist einfach nur, daß jemand
da ist, zuhört und vor allem "... das ist toll! Ihr habt mich nicht vergessen."
Nach unserem Gespräch öffnen sich wieder die Türen. Mein Weg führt zum Ausgang, aufs
Fahrrad, wo mir frischer Wind entgegenbläst, der von Ralf zurück in die Zelle.
" ... ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen."
Michael Meder
