NOTEL
eine Praktikantin berichtet
Die meisten von Euch kennen bereits meinen Namen und wissen, dass ich im Missionshaus Stuttgart mitlebe. Ich habe in der Zeit von Januar bis Mitte März ein Praktikum für mein Studium im NOTEL absolviert und möchte gern von einer für mich besonderen Begegnung berichten.
Zusätzlich zu den Kapellendiensten habe ich Frau Ackerschott, die Leiterin der Notschlafstelle,
auf verschiedene Sitzungen, Arbeitskreise und unter anderem auch in die Strafvollzugsanstalt
Münster begleitet, in der wir den ehemaligen Übernachter Frank besuchten. Ihm sind die Kontakte
bzw. die Besuche von Frau Ackerschott sehr wichtig, da er fast niemanden außerhalb der
Drogenszene hat. Ich war sehr überrascht darüber, dass es Übernachter gibt, die trotz ihrer
Inhaftierung den Kontakt zum NOTEL bewahren.
Während der Fahrt nach Münster, hatte ich
ein leicht mulmiges Gefühl, da ich nicht wusste, was mich erwarten würde.
Man hat oft gewisse Vorstellungen vom "Knast", ich hatte sie natürlich auch. Das Besondere aber
an dieser Haftanstalt ist eine eigene Therapieabteilung mit 10 Plätzen. Dort haben die
Häftlinge die Möglichkeit, während ihrer Haftzeit eine Therapie zu machen, so auch Frank.
Es war ein komisches Gefühl, zwischen dem großen Stahleingangstor und dem Gittertor, das zum
Innenhof führt, zu warten, bis wir von einer Betreuerin abgeholt wurden. Frank erwartete uns
bereits und freute sich so sehr, Frau Ackerschott wiederzusehen. Während wir ihn begrüßten, war
mein erster Gedanke, dass er überhaupt nicht wie ein drogensüchtiger Krimineller aussieht,
sondern eher wie "du und ich".
Zuerst wurde uns die Werkstatt gezeigt, die ein wesentlicher
Bestandteil der Therapie ist. Dort bekommen die Männer die Chance, ganz neue oder auch
teilweise vergessene Fähigkeiten zu entdecken oder wiederzufinden. Franks Augen strahlten
vor Freude, als er uns voller Stolz zeigte, was er schon alles selbst hergestellt hatte.
Danach besichtigten wir alle anderen Räumlichkeiten. Ich war sehr erstaunt, als wir den Flur
betraten, von dem alle anderen Räume, wie z. B. Aufenthalts-, Freizeit-, Essen- und
Privaträume, Küche und Büro ausgehen, ohne verschlossen zu sein. Außerdem gibt es noch eine
kleine Gartenanlage, die mit viel Mühe und Liebe von den Männern selbst angelegt wurde und
gepflegt wird. Die Äußerlichkeiten und der Aufbau der Abteilung prägen die offene, angenehme
und wohnliche Atmosphäre, aber vor allem das Miteinander der Häftlinge und das Verhältnis der
Häftlinge zu den Betreuern tragen wesentlich dazu bei. Es ist zu spüren, dass den Betreuern
die Arbeit Freude macht und ihnen sinnvoll erscheint. Ich fand es sehr interessant, dass
"Therapie in Haft" überhaupt möglich ist und sogar funktioniert, da dies untypisch für einen
Gefängnis ist. Frank sagte während des Besuches einen Satz, der mich sehr beeindruckte und
der den Zusammenhalt der Häftlinge gut zum Ausdruck bringt:
"Wenn einer versuchen sollte
über die Mauer abhauen zu wollen, hat er 5 andere am Bein hängen, die ihn daran hindern."
Durch die Begegnung mit Frank wurde mir bewusst, welche Bedeutung und Wichtigkeit das NOTEL für einen Übernachter haben kann. Die Umarmung von Frank und Frau Ackerschott bei der Verabschiedung zeigte mir ganz deutlich, dass Beziehung nicht nur ein Wort in der Arbeit im NOTEL ist, sondern zur Realität wird
von Andrea Hacker (April 2003)
