Erfahrungsbericht
Dieser Erfahrungsbericht wurde nach meinem ersten Nachtdienst (1990) geschrieben und mit Anmerkungen von heute (1998) versehen
Als ich am Freitagabend in die Toreinfahrt der Viktoriastr. 12
einbog, um meinen ersten Wochenenddiest beim Notel anzutreten,
war ich ziemlich überrascht, einige dunkle Gestalten vor der
Eingangstür der Spiritaner-Einrichtung sitzen zu sehen.
Unter anderen Umständen wäre ich sicherlich schnell weitergegangen
und hätte sie ignoriert. So wußte ich aber, daß es Drogenabhängige
waren, Gäste, die auf den Einlaß um acht Uhr warteten.
Ein bischen Überwindung kostete es mich schon, sie anzusprechen.
Ich erfuhr dann, daß ich mich noch etwas gedulden müsse, da die
beiden hauptamtlichen Sozialarbeiter Bärbel Ackerschott und
Br. Willi Pfeil noch nicht da seien.
"Du kannst dich ja zu uns setzen", meinte einer der Wartenden.
Schließlich kamen Bärbel und Willi, sie hatten Einkäufe erledigt, und wiesen mich nun in die allgemeinen Arbeiten ein, wie zum Beispiel die Bedienung von Waschmaschine und Trockner, Ordnung des Wäscheschranks, Herausstellen des Pinkeleimers für die Wartenden. Ein einführendes Wochenende, das sich mit der Drogenproblematik beschäftigte, hatte ich schon vor einiger Zeit besucht.
Bevor die Junkies, wie sie sich selbst nennen, zur Nacht aufgenommen
werden, waren noch einige Dinge zu erledigen, wie beispielsweise
das Vorbereiten einer warmen Mahlzeit. Denn oft ist dies die
einzige, die die jungen Leute am Tag zu sich nehmen.
Schließlich klingelte es, und einer fragte nach Spritzen, "Pumpen",
wie er sich ausdrückte. Bärbel gab selbstverständlich eine
handvoll heraus1. Ich war ziemlich überrascht,
das zu sehen und
machte mir die Situation der Fixer klar: Ihr Alltag ist fast
ausschließlich auf den Drogenkonsum ausgerichtet und viele von
ihnen sind HIV-Infiziert. Wenn sie von uns keine sauberen
Spritzen bekommen, nehmen sie gebrauchte, die sie auch noch
abwechselnd benutzen. Erst jetzt wurde mir wirklich bewußt,
wie ausweglos ihre Situation ist: Die Junkies verbringen den
ganzen Tag damit, Stoff zu besorgen. Das ist ihre einzige
Lebensausrichtung. Essen, Unterkunft und Hygiene werden dabei
unwichtig. Nur wenige schaffen es, diesen Teufelskreis zu
durchbrechen. Ich weiß, daß die, die es nicht schaffen,
Zuwendung, warmes Essen und wenigstens an einigen Nächten
im Monat ein sauberes Bett brauchen. Obwohl das Notel erst ein
Jahr alt ist, ist es regelmäßig mit neun Personen belegt.
Wir sind damit an die Grenze unserer Aufnahmefähigkeit gestoßen.
Um Punkt acht Uhr öffnete Willi die Eingangstür und ließ die
Leute herein, immer drei zusammen, die Frauen zuerst. Alte
Bekannte ließen sich bereitwillig auf Drogen und etwaige Waffen
abtasten. Neulingen, die heute aber nicht dabei waren, hätte
man mit der Hausordnung vertraut gemacht. Privatsachen wurden
in Schließfächer geschlossen. Die Schlüssel konnten im Büro
deponiert werden, damit sie nicht geklaut werden, was auch schon
vorgekommen ist.
Als alle die Prozedur über sich ergehen lassen hatten und einen
Korb mit Bettwäsche in Empfang genommen hatten, setzten sie
sich erst einmal in den Gemeinschaftsraum. Einer stellte den
Fernseher an: In RTL plus gab es einen James-Bond-Verschnitt,
den die Gäste während des Essens mit einem Auge verfolgten:
Die aufregende Welt der Skrupellosen und Reichen, in der der
Held die Gauner zur Strecke bringt und alle Frauen kriegt.
Ganz anders sieht dagegen das Leben unserer Gäste aus.
Während der Unterhaltung beim Essen kommt einiges aus ihrem
Leben zum Vorschein: Die wenigsten haben einen abgeschlossenen
Berufsabschluß, von Arbeitspraxis ganz zu schweigen. Dafür
haben sie einschlägige Knasterfahrungen und einige abgebrochenen
Therapien hinter sich.
"Wir sind sowieso der letzte Dreck!" kommentiert Manni seine Situation.
Aber nicht mehr alle sind so fit, daß sie noch mitreden können.
Roland, der seinen Teller besonders voll gemacht hat, schläft
fast ein. Bärbel muß ihn mehrmals ansprechen, damit sein Kopf
nicht irgendwann in die Suppe fällt. Im Laufe des Abends
verabschiedet sich einer nach dem anderen und geht ins Bett.
Kurz vor 23 Uhr steckt sich Anno, er ist der letzte, noch eine
Zigarette an. Um elf ist dann Nachtruhe.
Nachdem er gegangen ist, gehen Bärbel, Willi und ich in den
Gebetsraum um die Komplet zu halten. Auch die anderen
Gebetszeiten werden von den Mitarbeitern strikt eingehalten:
Jeden Morgen um neun Uhr, wenn auch die letzten Gäste gegangen
sind, ist Laudes, abends um 18.30 Uhr Vesper mit
Kommunionempfang. Die Konsequenz, mit der die Zeiten und der
festgeschriebene Ablauf der kurzen Andachten eingehalten werden,
imponiert mir. Sie stellt ein sicheres Faktum in der
Brüchigkeit und Unberechenbarkeit des brutalen und
hoffnungslosen Lebens unserer Gäste dar.
Mir haben die kurzen
Gebetszeiten Kraft für den Dienst gegeben, so habe ich nicht
vor der grausamen und ausweglosen Situation der Abhängigen
kapituliert. Ich habe mich sicher gefühlt, als wäre ich im
ruhenden Zentrum eines Wirbelsturms. Für die Junkies ist unser
religiöses Leben eine fremde Welt. Die kleine Kapelle wird von
ihnen fast nie besucht2. Statt eines Tabernakels
steht hier ein Bruchstück vom Kölner Dom. Man erkennt noch
die Kreuzform der Rosette, doch einige Kanten sind abgeschlagen
und den Stein durchzieht ein tiefer Riß. Als ich ihn zum
erstenmal gesehen hatte, verwies Bärbel auf den Symbolcharakter
des Steines:
"Abfall vom Dom ist das, auf englisch 'junk' ".
An dem Wochenende haben sich aber auch zwei Dinge ereignet, die ich kurz nachtragen möchte. Eine der beiden Frauen, die am Freitag unsere Gäste waren, hieß Carmen. Sie machte schon einen total fertigen Eindruck, als sie hereinkam. Sie fiel Bärbel sofort um den Hals, schluchzte nur und war unfähig, einen zusammenhängenden Satz zu sprechen. Ohne etwas zu essen verschwand sie schnell im Bett. Als ich um etwa halb drei meinen Rundgang machte, stellte ich fest, daß sie nicht im Bett lag, ihre Wäsche lag zudem im Waschraum und das Klo war abgeschlossen. Unsicher weckte ich Bärbel. Sie erfasste die Lage schnell und öffnete die Tür von außen. Carmen war eingeschlafen und weil sie "dicht" und für Bärbel zu schwer war, wurde sie dort gelassen. Puls und Atem waren ja normal.
Am nächsten Tag, die Gäste waren schon seit ein paar Stunden
weg, Willi und Bärbel auch, ich noch mit dem Hausputz beschäftigt,
klingelte das Telefon. Als ich abnahm meldete sich ein
Polizist, der Carmen im "Hertie" aufgegriffen hatte. Er fragte,
ob er sie bringen könnte - sie war noch, oder schon wieder,
ziemlich fertig. (Der einzige Hinweis auf ihre Identität war
eine Visitenkarte vom Notel.) Ich antwortete, daß wir
geschlossen hätten. Als Bärbel später davon erfuhr, meinte sie,
ich hätte Carmen ruhig aufnehmen können. Es habe sich ja
schließlich um einen Notfall gehandelt.
"Jetzt muß die Carmen die ganze Zeit bei der Polizei bleiben.
Auch nicht angenehm - besonders, wenn sie wieder zu sich kommt."
Ein anderes Beispiel, wie schwer es besonders abhängige Frauen haben: Marion, eine Fixerin, die einen ziemlich deprimierten Eindruck machte, als sie bei uns eintraf, hat sich im Notel wieder soweit erholt, daß man ihr am nächsten Morgen ihre Probleme nicht mehr ansah und sie fast hübsch nennen konnte. Saubere Kleidung und ein bischen Make-up haben ihr Aussehen zusätzlich verbessert. Als sie dann, bevor sie ging, von Bärbel Kondome verlangte und mich dabei voll Scham ansah, war mir klar, wie sie an das Geld für den nächsten Stoff kommen würde: Für Frauen ist Prostitution der einfachste, aber auch der verachtetste Weg, schnell an Geld zu kommen.
1 Heute werden die Spritzen nur noch
1 (gebraucht)
zu 1 (neu) getauscht.
2Inzwischen weiß ich, daß das so nicht stimmt.
Einige unserer Gäste haben durchaus (unterschiedliche) religiöse
Erfahrungen gemacht und nehmen gerne an den Gebetszeiten und der
wöchentlichen Meßfeier teil.
von Thomas Engelhardt
